Wenn die Schuhe sich im Kühlschrank finden

Ute K. erkennt ihre 80-jährige Mutter nicht wieder. Die Frau, die immer so fürsorglich und gelassen war, reagiert jetzt immer wieder aggressiv. Oft reichen kleine Anlässe für einen regelrechten Wutausbruch, etwa wenn Ute K. ihre demenzkranke Mutter zum Gang ins obere Stockwerk bewegen will. Frau K. fühlt sich zunehmend ohnmächtig, will sie ihre hilfsbedürftige Mutter doch bestmöglich unterstützen.

Der Umgang mit Demenzkranken ist anspruchsvoll – Wissen über die Erkrankung hilft bei der Bewältigung des Alltags
Die Betreuung eines demenzkranken Ehepartners oder Elternteils ist auch deshalb so schwierig, weil ein ehemals vertrauter Mensch immer fremder wird. „Um den Bedürfnissen von Demenzkranken gerecht zu werden, ist es hilfreich zu verstehen, wie sich die Krankheit auf das Verhalten auswirkt“, erklärt Sven-Uwe Gau, Leiter der MediClin Seniorenresidenz Deister Weser. Die Einrichtung im niedersächsischen Bad Münder ist auf die gerontopsychiatrische Pflege von Demenzkranken spezialisiert und setzt dabei neueste Forschungsergebnisse in die Praxis um.

Gewohnte Tätigkeiten als Erinnerungspflege
„Das Kurzzeitgedächtnis leidet schon früh, wohingegen Bilder aus Kindheit und Jugend und Handgriffe und Abläufe aus jahrzehntelanger Routine oft noch präsent sind“, sagt Gau. „Deshalb ist es sinnvoll, die Tagesgestaltung an gewohnten Tätigkeiten auszurichten.“ Demenzkranke zu einer bestimmten Zeit zu einer bestimmten Beschäftigung überreden zu wollen, ist in vielen Fällen zwecklos – altbekannte Handgriffe aus der Haus- oder Gartenarbeit laufen aber oft ganz automatisch ab. Deshalb ist es sinnvoll, den Betroffenen in die alltäglichen Abläufe wie Kochen oder Aufräumen mit einzubeziehen, betont Gau, auch wenn einiges durcheinander gerät und auch mal ein Schuh im Kühlschrank landet. „Kartoffelschälen ist oft eine bessere Beschäftigung als ungewohnte Gymnastikübungen.“ Auch was eine emotionale Bedeutung hat, ist oft noch fest verankert: „Gemeinsam mit Angehörigen alte Lieder singen, zusammen einen Kuchen backen oder Jugendbilder anzuschauen, kann dem Erkrankten sehr gut tun.“

„Wer sich wohlfühlt, läuft nicht weg!“
Wenn das Gehirn abbaut, reagiert der Mensch immer weniger bewusst, sondern verstärkt instinktiv. Das betrifft auch die Wahrnehmung der Umgebung, von Farben, Licht und Schatten. Gau nennt ein typisches Beispiel aus dem Pflegealltag: Ein Bewohner bleibt auf dem Gang stehen und weigert sich partout, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Schuld daran ist mitunter das Wechselspiel von Licht und Schatten der einzelnen Lampen. Das Gehirn deutet die dunkleren Abschnitte als unüberwindliche Barriere. Auch wechselnde Bodenbeläge sind problematisch. „Für den demenzkranken Menschen ist der schwarze Teppich möglicherweise ein bedrohliches Loch.“ Sandfarbene Böden verbindet das Gehirn hingegen instinktiv mit einem sicheren Untergrund. Auch Wand- und Deckenfarben oder farbige Beleuchtung wirken unterbewusst. Das sollte nicht unterschätzt werden. Beispielsweise fördern Grüntöne den Appetit, Blautöne wirken schlaffördernd und beruhigend, Rot unterstützt eine heimelige Atmosphäre. „Licht und Farben gezielt einzusetzen, kann die Tagesgestaltung vereinfachen“, sagt Gau. So finden sich in den Wohngruppen der MediClin Seniorenresidenz im Küchenbereich grüne Elemente, die Wohnzimmer sind teilweise rot und die Schlafzimmer blau gestrichen, das Licht ist gleichmäßig, warm und behaglich.

Demenzkranke haben oft einen starken Bewegungsdrang. In vielen Fällen zieht es die Menschen an vertraute Orte – nach Hause etwa oder zum Elternhaus. „Deshalb ist es eigentlich treffender, von einem ´Hinlaufen´ als von einem ´Weglaufen´ zu sprechen“, erklärt Gau. Bewegungsfreiheit zu ermöglichen, ist ein wichtiger Bestandteil in der Betreuung von Demenzkranken. Eine überlegte Raumgestaltung kann dabei mehr Sicherheit bedeuten. „Es kann kein gutes Gefühl sein, wenn man immer wieder gesagt bekommt ´Da darfst Du nicht hin!´“ Warum nicht schwarze Matten vor Türen oder Treppen als optische Barrieren nutzen? „Viele Konflikte, die durch den Bewegungsdrang der Pflegebedürftigen entstehen, können so entschärft werden“, sagt Gau, der betont, dass die meisten Menschen trotz Krankheit eine feine Antenne für Atmosphäre und Stimmungen haben. „Wer sich wohlfühlt, läuft nicht weg! – dessen sollte man sich bewusst sein.“

Quelle: MediClin

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>